TTT-Pipiablauf

(C) Ernst und Meike Wagner

 

TTT-Pipiablauf – Oder: Wie man aus Urin ein Ingenieursprojekt macht

Es gibt Themen beim Fernreisemobil-Ausbau, über die wird stundenlang diskutiert. Solaranlagen. Lithium-Batterien. Wechselrichter. Wasserfilter. Federung. Reifen.

Und dann gibt es Themen, über die irgendwie niemand spricht.

Zum Beispiel:

Wohin eigentlich mit dem Pipi?

Dabei ist das eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Denn wenn der Moment gekommen ist, hat man es meist schon im Urin, dass man dringend eine Lösung braucht. Und zwar keine theoretische. Keine, die man erst noch googeln muss. Sondern eine, die sofort funktioniert.

Unsere TTT (Trocken-Trenn-Toilette) war zu diesem Zeitpunkt bereits gebaut. Der Schlauch, der den Urin nach außen führen sollte, ebenfalls. Eigentlich also alles fertig.

Eigentlich.

Denn zwischen „Der Urin fällt aus dem Trenneinsatz heraus“ und „Der Urin landet sicher im Tank unter dem Fahrzeug“ befindet sich ein erstaunlich großes Universum voller möglicher Sauereien.

Und genau dort standen wir.

 

Der Moment, in dem man merkt, dass noch etwas fehlt

Der Ablauf nach außen war vorhanden.

Der Tank unter dem Fahrzeug ebenfalls.

Der Trenneinsatz saß an seinem Platz.

Was fehlte, war lediglich das kleine, unscheinbare Detail, wie die Flüssigkeit den Weg von A nach B finden sollte, ohne unterwegs die Freiheit zu entdecken.

Eine Kleinigkeit also.

Wie so oft beim Ausbau stellte sich heraus, dass diese „Kleinigkeit“ ungefähr 97 % des gesamten Denkaufwandes verursachte.

Zusätzlich hatten wir noch ein paar Randbedingungen:

Der untere Bereich des Trenneinsatzes musste sauber abgedichtet werden.

Ein Geruchsverschluss sollte ebenfalls integriert werden.

Der Urin musste zuverlässig in den vorgesehenen Schlauch geleitet werden.

Und das Ganze musste an einer Wand befestigt werden, die nicht etwa vertikal verläuft, sondern mit einer gemütlichen Neigung von 12 Grad daherkommt.

Warum einfach, wenn man es auch kompliziert haben kann?

Diese Frage scheint sich unser Kofferaufbau inzwischen regelmäßig selbst zu stellen.

Wer unseren Ausbauverlauf bereits etwas länger verfolgt, weiß, dass solche vermeintlichen Kleinigkeiten bei uns regelmäßig zu ausgewachsenen Projekten werden. Das war bereits bei der Planung des Kofferaufbaus nicht anders. Auf dem Papier sieht vieles simpel aus. In der Praxis stellt man dann fest, dass zwischen Idee und funktionierender Lösung oft einige kreative Umwege liegen.

 

Flüssigkeiten sind erstaunlich kreativ

Bei elektrischen Leitungen weiß man meistens ziemlich genau, wo der Strom entlangläuft.

Flüssigkeiten hingegen besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit, exakt den Weg zu finden, den man bei der Planung übersehen hat.

Deshalb war von Anfang an klar:

Alle Verbindungsstücke müssen in Fließrichtung ineinander gesteckt werden.

Also nicht so:

„Wird schon dicht sein.“

Sondern so:

„Selbst wenn die Schwerkraft schlechte Laune hat, bleibt alles dort, wo es hingehört.“

Denn niemand möchte irgendwann feststellen, dass sich der Urin entschieden hat, einen alternativen Reiseweg durch den Möbelbau zu erkunden.

 

Wenn man keinen Trichter kaufen kann, baut man eben einen

An diesem Punkt zeigte sich erneut, warum unser 3D-Drucker inzwischen längst zur Familie gehört. Während normale Menschen für solche Probleme vermutlich passende Sanitärteile kaufen, neigen wir dazu, zuerst CAD zu öffnen und später zu überlegen, ob das überhaupt eine gute Idee war. Dass diese Vorgehensweise erstaunlich oft funktioniert, haben wir bereits in einigen Beiträgen über den 3D-Druck im Fernreisemobil-Ausbau festgestellt. Also war schnell klar: Wenn es keinen passenden Trichter gibt, dann wird eben einer erfunden.

Nach längerer Grübelei entstand die Idee, einen eigenen Trichter zu konstruieren.

Natürlich nicht irgendeinen Trichter.

Das wäre ja zu einfach gewesen.

 

 

(C) Ernst und Meike Wagner (C) Ernst und Meike Wagner

 

Der Trichter musste:

  • den Trenneinsatz abdichten,
  • einen Geruchsverschluss aufnehmen,
  • den Urin zuverlässig in den Schlauch führen,
  • die 12° Wandneigung berücksichtigen,
  • und möglichst verhindern, dass wir später fluchend alles wieder auseinanderbauen müssen.

Also wurde der CAD-Rechner angeworfen und ein individuelles Bauteil konstruiert.

Danach durfte der 3D-Drucker seine Magie entfalten.

Oder genauer gesagt:

Er durfte mehrere Stunden lang Plastik schmelzen, während wir regelmäßig nachschauten, ob aus der Konstruktion tatsächlich ein Bauteil und kein modernes Kunstwerk wurde.

Zu unserer Überraschung entstand tatsächlich ein funktionierender Trichter.

 

(C) Ernst und Meike Wagner

 

 

 

(C) Ernst und Meike Wagner (C) Ernst und Meike Wagner

 

Der kleine Millimeter mit großer Wirkung

Besonders wichtig war dabei der Geruchsverschluss.

Denn ein Geruchsverschluss funktioniert nur dann zuverlässig, wenn er auch tatsächlich arbeiten kann.

Deshalb haben wir im Innenbereich eine kleine Weitung von etwa einem Millimeter pro Seite vorgesehen.

Das klingt zunächst nach einer Größe, die irgendwo zwischen „vernachlässigbar“ und „mit bloßem Auge kaum sichtbar“ liegt.

Tatsächlich sorgt genau dieser kleine Abstand dafür, dass der Geruchsverschluss nicht dauerhaft seitlich verspannt wird und seine Funktion behält.

Manchmal entscheidet eben nicht der Zentimeter über Erfolg oder Misserfolg, sondern der Millimeter.

Eine Erkenntnis, die wir während des gesamten Ausbauverlaufs bereits mehrfach gewinnen durften.

 

(C) Ernst und Meike Wagner

 

Passt. Dichtet. Läuft nicht aus.

Nach dem Einbau zeigte sich schnell:

Der Trichter sitzt sauber am Trenneinsatz.

Der Geruchsverschluss funktioniert wie vorgesehen.

Der Ablauf führt direkt in den Schlauch.

Der Schlauch wiederum in den Tank.

Und vor allem:

Der Inhalt bleibt dabei exakt dort, wo er hingehört.

Mehr kann man von einem Pipiablauf eigentlich nicht verlangen.

 

Fazit

Während man bei einem Fernreisemobil gern die großen Projekte fotografiert und präsentiert, sind es oft die kleinen Details, die später über Alltagstauglichkeit entscheiden.

Der TTT-Pipiablauf gehört definitiv in diese Kategorie.

Von außen betrachtet sieht man am Ende nur ein unscheinbares Bauteil.

Dahinter stecken allerdings einige Stunden Planung, Konstruktion, 3D-Druck und die Erkenntnis, dass selbst Urinmanagement überraschend schnell zu einer ingenieurtechnischen Herausforderung werden kann.

Aber genau das macht den Ausbau unseres Kofferaufbaus aus:

Man beginnt mit der Idee „Da muss einfach ein Schlauch dran.“

Und endet wenige Tage später mit einer CAD-Konstruktion, einem selbst entwickelten Trichter, einem optimierten Geruchsverschluss und dem Gefühl, gerade ein Raumfahrtprojekt abgeschlossen zu haben.

Manchmal ist Expeditionsmobil-Ausbau eben doch nur Raketenwissenschaft.

Nur mit mehr Pipi.